Dr. Eckart von Hirschhausen

im Interview

Momo: Wir hatten das große Vergnügen, in Ihre neue CD „Ist das ein Witz?“ hereinhören zu dürfen. Hier geht es explizit um Kinder in ihrer Unbeschwertheit und ihre Art, mit ihrem eigenen Humor Witze zu machen. Dazu meine erste Frage: Warum Kinder?

Weil Kinder gerne lachen, weil Lachen gesund ist und weil es manchmal nicht viel zu lachen gibt. Die CD ist ein Benefizprojekt von Kindern für Kinder. Meine Stiftung HUMOR HILFT HEILEN bringt heilsame Stimmung ins Krankenhaus.
Dazu besuchen Clowns kranke Kinder, wir trainieren in Workshops die Pflegekräfte, ihre eigene Persönlichkeit und ihren Humor einzubringen und wir gestalten Wände und Zimmer kindgerecht und fröhlich. Auch wenn der Volksmund lange schon weiß, dass Lachen die beste Medizin ist, zahlt das alles nicht die Kasse. Und deshalb gibt es dieses Benefizprojekt, wo die besten Witzeerzähler
des Landes ihre Lieblingswitze erzählen. Die erste CD mit Hellmuth Karasek wurde ein Überraschungserfolg. Auch die zweite mit Jürgen von der Lippe und die dritte „Ist das ein Witz?“ mit Guido Cantz gehören zu den erfolgreichsten Hörbüchern der letzten Jahre. Deshalb lag es nahe, jetzt endlich die Kinder selber zu Wort kommen zu lassen – und eine jugendfreie Version zu erstellen, die
von der ganzen Familie gehört werden kann.

Momo: Sie erzählen den Kindern von Ihrem ersten Witzebuch, das Sie mit 9 oder 10 Jahren verfasst haben. Ist der Eindruck richtig, dass Sie die Kinder ermutigen möchten, ihre eigenen Witze aufzuschreiben? So bekäme das Ganze ja auch einen kleinen literarischen Wert.

Ja klar! Witze sind die erste Form von „Literatur“, der wir als Kinder begegnen. Witze haben eine Dramaturgie, es braucht ein Gefühl für Sprache und für das Erzählen. Und wie die Clowns von HUMOR HILFT HEILEN spielen Witze immer mit der Chance des Scheiterns – und auch darüber lässt sich lachen. Ich habe früh angefangen, Dinge aufzuschreiben und als kleine Geschenke oder dann in der Schülerzeitung weiterzugeben. Inzwischen bin ich der erfolgreichste Sachbuchautor dieses Landes,
weil meine Bücher viel Humor und überraschende Perspektiven enthalten. Vielleicht inspiriert die CD ja ein Kind, der oder die „Hirschhausen“ der nächsten Generation zu werden, das fände ich toll.

Momo: Sie haben das Ehepaar Marion Kaiser (Lehrerin) und Felix Gaudo eingeladen und zu Wort kommen lassen. Es ist sehr erfrischend, wie Marion von ihrer täglichen Arbeit mit Kindern erzählt, die mehr Spaß am Unterricht finden, weil die Lehrerin einfach witzig ist. Das ist doch nachahmenswert, oder?

Auf jeden Fall! Ich selbst erinnere mich auch noch an humorvolle Lehrer in meiner Schulzeit, obwohl das schon über 35 Jahre her ist. Kaum zu glauben, denn sie sind mir immer noch sehr präsent, nicht so sehr, was sie mir beigebracht haben, sondern durch ihre Persönlichkeit. Und von jedem Lehrer weiß ich noch, ob er Humor hatte – oder nicht. Die wichtigste Unterrichtsvorbereitung ist also, sich kurz vor dem Betreten des Klassenraums klar zu machen: ich präge gerade Hirne für ein Leben und ich freue mich, meine Begeisterung für mein Fach zu multiplizieren. Und wer bei dem Gedanken nicht anfängt zu lächeln, sollte gleich wieder ins Lehrerzimmer zurück …

Momo: Um beim Thema zu bleiben, würde mir jetzt spontan einfallen, ob man nicht in der Vor- und Grundschule das Fach „Witze- und Quatschstunde“ einrichten sollte. Ich glaube, dass man auf diese Weise manchen Schüler über den Spaßfaktor und somit seine Alltagsprobleme besser kennen lernt, egal, ob schulisch oder privat. Was denken Sie?

Aus diesem Grund setze ich mich für Glück und Gesundheit als Schulinhalte ein. Das klingt erst einmal erstaunlich, warum eigentlich? Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass man Sprachen erlernen kann, so wie Mathe, Geschichte und Biologie. Wenn man unter Glück z. B. Genießen-Können, Achtsamkeit, Stärkenorientierung, Beziehungspflege, Widerstandfähigkeit in Krisen und Sinnsuche versteht, dann ist die Antwort ein klares „Ja“. Das können Sie lernen – und es lohnt sich. Wie viele Wege
kennen Sie, sich aus schlechter Laune zu befreien? Wenn ich mich und meinen Körper besser kenne, muss ich weder auf Glotze oder Schokoriegel zurückgreifen, dann bewege ich mich, kümmere mich um andere oder habe gelernt, negative Gedankenschleifen zu unterbrechen. Wenn man sich vor Augen hält, was Übergewicht, Rückenschmerzen und Depression volkswirtschaftlich und seelisch an Kosten verursachen, ist es höchste Zeit, mehr Gesundheit und Psychologie an dem Ort zu lehren, wo wir am schnellsten lernen: in der Schule. Wenn ich überlege, was von meinem Schulwissen ich tatsächlich im Leben jemals wieder gebraucht habe, und was nicht, wirkt die Forderung, Glück, Gesundheit und Humor als Schulfach einzuführen, nicht utopisch, sondern sehr vernünftig. Gute Ideen gibt es auf der Homepage www.humor-hilft-heilen.de unter „Gemeinsam leben lernen“.

Momo: Lieber Herr von Hirschhausen, Sie engagieren sich mit einer humorvollen Leichtigkeit für Kinder – und das, so scheint es, unermüdlich. Kurzer Blick in die Zukunft, was sind Ihre nächsten Projekte?

An der Universität Frankfurt unterstützen wir die Kinderschutzambulanz, denn so traurig das Thema ist, so wichtig ist es, Ärzte und Pflegekräfte viel besser darauf zu schulen, Misshandlungen zu erkennen statt sie zu übersehen. Und wir machen das neue Projekt „Singpause“, das in knackigen 20-Minuten-Einheiten das gemeinsame Singen in die Grundschulen bringt. Musikunterricht fällt oft aus, dabei ist Singen für die Seele so wichtig wie lachen. Und je früher wir das lernen, desto selbstverständlicher
gehört es dazu. Im Auto meiner Eltern gab es kein Radio, also haben wir die Mundorgel rauf und runter gesungen. Heute hockt jeder mit seinem eigenen Kopfhörer stumpf nebeneinander. Singt mal wieder!

Momo: Und jetzt noch ein Tipp an die großen Leser (Eltern): Wie behält man das Kind in einem, lebendig und wach?

Lassen Sie sich Ihre Neugier nicht nehmen und hören Sie nie auf, Fragen zu stellen! Kinder sind viel neugieriger als Erwachsene. Das offenbart übrigens auch das zentrale Dilemma unseres Bildungssystems. Kindern wird gesagt: Sei doch nicht so neugierig! Besser wäre es ihnen zu sagen:
Sei doch nicht so erwachsen! Wissen ist nichts, das man einmal hat und dann für immer behält. Vielmehr ist es eine Grundhaltung, immer wieder Fragen zu stellen: Warum ist das so? Könnte es auch anders sein? Eine meiner Lieblingsmomente auf der CD sind Sprüche, die Kinder einfach so heraushauen, von Wortneuschöpfungen bis zu tiefer Erkenntnis, wie der Satz eines 6jährigen: „Man kann nie wieder etwas verlieren, wenn man weiß, wo IRGENDWO ist.“